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Rezension: Vor den Toren von Loyang

Loyang ist ein Tauschspiel, in dem die Spieler selbst Güter herstellen, äh, ich meinte anpflanzen und dann später ernten, um sie in der Folge dann an Kunden zu verkaufen. Zusätzlich gibt es verschiedene Fähigkeiten von so genannten „Helfern“, die Dinge wie Produktion, Einkommen, Verkäufe oder andere Aktionen positiv beeinflussen können.

Ach was für ein schönes Spiel! Vor den Toren von Loyang ist ein Spiel von Uwe „Agricola“ Rosenberg, von dem mir persönlich „Le Havre“ am Besten gefällt.

Herausgeber ist H@LL Games, vermutlich weil Hanno keinen Platz mehr im Produktionsplan von Lookout-Games im Jahr 2009 mehr hatte ;-).


Vor den Toren von Loyang - Das Spiel kann beginnenDas Spiel ist toll ausgestattet! 120 kleine Spielkarten symbolisieren grüne Felder auf denen das Gemüse angepflanzt werden muss, verschiedene Arten von Aktionskarten (Marktstände, Stammkunden, Laufkunden und Helfer) sowie einige zusätzlich Karten für Kredite, Übersichtsdarstellung und ein Lager. Aus Pappe liegen sowohl das Geld, was ganz stilecht zum chinesischen Thema passend (und auch noch „Käsch“ benannt) auch noch ein quadratisches Loch in der Mitte trägt (und damit das Geld tatsächlich gegenüber anderem Pappgeld oder runden Pappscheiben ein wenig hervorhebt, auch wenn ich es anfangs nicht wahrhaben wollte, aber ich empfinde es tatsächlich so! …was so ein Loch alles ausmacht! ;-)), als auch noch s.g. Zufriedenheitsmarken als auch die 4 T-förmigen minmalistischen Spielpläne bei (die zwar auch als eigene „komplette“ Spielbretter hätten beiliegen können, was ich aber nicht vermisse, da die T-Form etwas bislang nicht zuuu oft gesehenes im Brettspieldschungel darstellt).

Highlight der Ausstattung sind  auf jeden Fall die 237 Holzfiguren, die ziemlich klasse die Formen der sie repräsentierenden Gemüsesorten wieder geben, haptisch gut in der Hand liegen und einfach Spaß machen sie anzuschauen und damit zu spielen!

Regelbuch ist vollfarbig, gut strukturiert, enthält farblich abgehobene Einsteiger- und Detailinformationen, die selektiv gelesen werden können und mit 12 Seiten für ein mittelkomplexes Spiel auch noch nicht zuuu lang. Gut.


Vor den Toren von Loyang - Stammkunden und Helfer sind wichtigDas Spiel läuft in Summe über genau 9 Runden, die jeweils aus 3 Phasen bestehen. So eine einschränkende Vorgabe des Spieleentwicklers ist immer schön, da dies meistens viel zu lange Spielzeiten unterbindet oder zumindest deutlich reduzieren hilft.

Bei Loyang durchleben alle Spieler jede Runde gemeinsam die Erntephase in der sich jeder ein neues unbebautes Feld umdreht, auf das er im Folgenden Gemüse anbauen kann und dann noch bereits in den Runden zuvor gepflanztes Gemüse erntet, mit dem er dann in die folgenden Umtauschaktivitäten einsteigen kann.

Danach gilt es dann in jeder Runde die ersten Entscheidungen zu fällen, die auch im Zusammenspiel mit den Mitspielern erfolgen. Zur Verwendung in der aktuellen Runde erhält jeder Spieler am Ende dieses Verteilungsparts der Runde eine Karte von der eigenen Hand des Spielers plus eine Karte aus einer offenen Ablage. Das interessante daran ist, dass die Anzahl der Karten die alle Spielern anschauen können, bevor sie sich entscheiden müssen limitiert ist, da Zug für Zug immer eine Karte aus der Hand in die offene Ablage gelegt werden muss, wenn noch nicht die Wunschkombination aus Kartenhand und offener hinzuzunehmender Karte vorliegt. Ab dem Moment, wo dann ein Spieler entschieden hat, seine perfekte Kombination gefunden zu haben, stellt er seine übrigen noch verbleibenden Karten dann den übrigen Spielern mit zur Auswahl zur Verfügung. Das führt oft dazu, dass man als Spieler je länger man wartet die finale Kartenkombination zu finden, zumindest aus einer größeren Auswahl wählen kann. Jeder läuft aber auch Gefahr, dass ein anderer Spieler vor einem mit der bis dahin favorisierten Karte seinen Zug beendet.

Nachdem dies dann geklärt ist, heißt es jetzt die beste Variante zu finden, wie die Spieler genügend Geld, äh sorry Käsch meinte ich ;-), machen können. Auf den zuvor erhaltenen Karten könnten Lauf- oder Stammkunden abgebildet sein, die mit ganz bestimmten Kombinationen von Gemüse beliefert werden wollen. Der Laufkunde lediglich einmal und der Stammkunde gleich komplette vier Runden in Folge. Wie so oft bei komplexeren Warentauschspielen ist es auch bei Loyang so, dass es günstige und teurere Waren gibt. Hinzu kommt noch, dass das teure Gemüse nur auf wenigen der Felder angepflanzt werden kann. Bedeutet also für die Auswahl der Kunden, dass genau überlegt werden muss, ob auch tatsächlich das entsprechende Gemüse besorgt werden kann. Besorgt bedeutet, dass eine gewisse Menge an Gemüse auch direkt „bei der Bank“ gekauft werden kann, wenn weg dann weg, naja nicht ganz, gibt auch Karten die wieder auffüllen. Wenn ich allerdings so eine Karte nehme, habe ich halt einen Kunden weniger. Das ist halt auch eine der Entscheidungen, die es zu optimieren gilt. Macht aber Spass, zumindestens mir als analytisch leicht begeisterungsfähigen Spieler ;-).

Auf den Karten können auch Marktstände abgebildet sein, die machen nix anderes als eine Gemüsesorte in eine andere zu tauschen. Jeder Marktstand immer für genau drei Waren. Manchmal im Tauschverhältnis 1:1, manchmal auch 1:2, jeweils natürlich auch nicht alle Gemüsesorten immer nur einzelne, klar, die Spieler sollen ja auch überlegen müssen, welcher Marktstand passt zu welcher Strategie. Ich nehme immer ordentlich viele Marktstände, um immer schön flexibel zu sein, was die benötigten Gemüsesorten angeht. Allerdings gilt auch hier: wenn einmal alle drei Tauschoptionen genutzt wurden, ist der Marktstand ebenfalls weg. Wieder eine Karte ausgesucht, die mir keine direkten Punkte für die Endwertungen bringen, halt nur Mittel zum Zweck.

Am Ende der Runde darf dann nur noch eine einzige Ware überbleiben, also groß aufbewahren, um dann später Handrommé zu machen, ist nicht ;-). Allerdings kann dieses Limit immerhin gegen Käsch noch auf vier erhöht werden, muss sich jedoch natürlich auch rechnen. Ist nicht immer der Fall.

Das wohl verdiente Geld wird ganz zum Schluss der Runde dazu eingesetzt, um seinen für den Spielsieg notwendigen Wertungsstein noch Vorne zu setzen. Ein Feld kostet immer nur 1 Käsch, das hat man meistens zur Verfügung, weitere Felder gehen dann immer mehr ins Geld. Steigt zwar alles immer von Feld zu Feld immer nur moderat um einen Punkt an, aber auch die Summe der Einnahmen steigt halt auch nicht exorbitant je Runde, so dass es üblich ist, dass es zwischen 1-2, wenn es gut läuft 3 Felder je Runde vorwärts geht. Auch hier gilt es abzuwägen, was mit nicht eingesetztem Käsch ggfs. in der kommenden Runde noch alles gemacht werden könnte.


Loyang ist aus meiner Sicht eher eines von diesen Spielen, wo jeder für sich spielt und versucht ein Optimum in seinen Rahmenbedingungen zu finden. Freunde großer Interaktion und notwendigem miteinander Sprechens während des Spielerlebnisses dürfte keine große Freude am Spiel haben. Ein wenig Mit- bzw. Gegeneinander gibt es denn doch: zum Einen die Konkurrenz um die für die aktuelle Runde am besten geeigneten Karten, mit der Option den Mitspielern die für sie wichtigen Karten vor der Nase wegzuschnappen. Außerdem ermöglichen einige Karten den Spielern in der Auslage anderer Spieler „einzukaufen“ oder zu tauschen, was diese dann manchmal kurzfristig vor Probleme bei der Erfüllung ihrer Stammkunden (die wollen nämlich jede Runde genau mit der gleichen Kombination an Gemüse beliefert werden) führen könnte oder auch die bereits schon eingeplante Käschgenerierungsstrategie der kommenden Runde kurzfristig zunichte macht.

Tja, das war’s dann aber auch schon an Interaktion. Höchstens noch das Schauen auf den anderen Spieler wieviele Siegpunkte er bereits gesammelt hat und die dann darauf folgende Entscheidung ggfs. auch in dieser Runde schon noch mal einen Punkt mehr zu kaufen, um nicht zuuu viel Abstand zu erhalten, was aber nur wirklich begrenzt 😉 interaktiv ist.


Vor den Toren von Loyang - Jede Runde gibt es neue KartenBei den ersten Spielen wird es einigen Spielern schwer fallen schnell zu erfassen welche Mechanismen zu den meisten Punkten bzw. zunächst erst einmal Käsch führen, um diese dann perspektivisch in Siegpunkte umtauschen zu können. So ist es bei den Laufkunden (die nur ein einziges mal mit Ware versorgt werden können, dann dafür bezahlen und direkt dann vom Brett abgeräumt werden) zum Beispiel extrem wichtig diese zu beliefern wenn mehr Stammkunden als Laufkunden vorhanden sind, da es dann eine signifikante Bonuszahlung im Vergleich zu einer Überzahl der Laufkunden über den Stammkunden gibt. Ich trauere gerne „heimlich“ mit meinen Mitspielern mit, wenn diese einen Laufkunden beliefern obwohl diese in der Überzahl zu den Stammkunden sind und dafür nur die reduzierte Menge an Einnahmen erhalten. Hört sich leicht an, ist aber sicherlich ein Komplexitätstreiber.

Dann die  verschiedenen Tauschmechanismen, die Interaktionsmöglichkeiten der Helferkarten, die Möglichkeit Waren von der „Bank“ äh Markt heißt es hier glaube ich, bis zu einer bestimmten Menge offiziell nachkaufen zu können sowie die Entscheidungsmöglichkeiten welches Gemüse ich auf welchem Feld anpflanze und wie das zu den mir zur Verfügung stehenden Käsch-Einnahmequellen passt erschließt sich meist erst nach 2-3 Spielen in Gänze.

Daher scheint mir die Komplexität eher so im mittleren Bereich angesiedelt zu sein, ist nix wirklich schwieriges dabei, aber es muss erst mal erlernt werden. Sobald es dann einmal verstanden ist, „flutscht“ 😉 das Spiel sehr gut und wirkt auch nicht wirklich mehr schwierig.


Loyang ist schon ein wenig anders als die üblichen, schau dir die verfügbaren Aktionen an, setze einen Pöppel drauf und mache dann diese Aktion und gucke was die anderen gemacht haben und agiere in der kommenden Runde erneut darauf. Trotzdem ist es jetzt nicht sooo orginell. Ähnliche Tauschmechanismen haben viele Spiele und Karten mit Aktionen drauf gibt es auch in diversen Spielen. Aber es hat schon was! Die Überlegungen wann wieviel Siegpunkte gekauft werden, optimiere ich jetzt noch ein wenig mehr damit es dann in der kommenden Runde richtig schön vorangeht oder investiere ich gleich alles was ich habe für einen kurzfristigen Sprung auf der Tabelle. Dann die gute Idee mit den Laufkunden versus Stammkunden, entweder viele Laufkunden nacheinander oder wenige Stammkunden regelmäßig zu beliefern. Funktioniert gut. Gefällt mir. Schon Originalität vorhanden. Trotz vieler bekannter Mechanismen.


Vor den Toren von Loyang - Der Spieltisch füllt sich mit MaterialDer Wiederspielreiz ist bei mir hoch! Echt erstaunlich! Ich fragte mich damals vor dem Kauf, ob ich nach Agricola und Le Havre noch einen weiteren ähnlich gelagerten „Rosenberg“ benötige…, JA brauche ich! 😉

Mir macht es Spaß zu optimieren, es geht schön schnell, die Wartezeit hält sich in Grenzen, ich finde es okay nicht sooo viel Interaktion zu haben, das Material ist toll, ich kann das Spiel neuen Interessierten schnell erklären.

Schön! Hab’s echt schon oft gespielt. Derzeit immer noch gerne wieder.

Der Wiederspielreiz hat’s schon gut zusammengefasst daher hier jetzt keine langatmigen Wiederholungen. Kurz zusammengefasst ist es wohl wirklich für mich der gefühlt knackige Spielablauf in Kombination mit der optischen Freude das Spiel zu spielen mit guten Möglichkeiten der Optimierung von Spiel zu Spiel schlauer zu werden und ausreichend Überraschungsmomenten die jedem Spiel eine eigene Note geben.

Absolute Empfehlung!

Weitere Infos oder Diskussionen zum Spiel findet Ihr bei 8-9-10-spielen! in der Gruppe zu Vor den Toren von Loyang

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